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Die Allgaier-Group, einst ein Schwergewicht der deutschen Automobilzulieferindustrie mit Sitz in Uhingen, ist nach einer Insolvenz im Juni 2023 Geschichte. Zum 31. Dezember 2025 wurde der Betrieb am Stammsitz endgültig eingestellt. Während Teile des Unternehmens an Investoren verkauft werden konnten, bedeutete die erfolglose Suche nach einem Käufer für das Kerngeschäft Allgaier Automotive den Verlust von hunderten Arbeitsplätzen und das Ende einer über 100-jährigen Firmengeschichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Insolvenzverfahren: Die Allgaier Werke GmbH meldete am 21. Juni 2023 überraschend Insolvenz an.
- Schließung des Stammwerks: Nach erfolgloser Investorensuche wurde der Betrieb der Allgaier Automotive GmbH in Uhingen zum 31. Dezember 2025 eingestellt.
- Betroffene Mitarbeiter: Von der Schließung des Hauptsitzes waren zuletzt rund 600 Mitarbeiter betroffen, die größtenteils in eine Transfergesellschaft wechselten.
- Verkaufte Unternehmensteile: Die Sparte Process Technology wurde an die Siebtechnik GmbH verkauft, das Werk in Sachsen an die Martin-Gruppe.
- Vorherige Übernahme: Die Insolvenz folgte knapp ein Jahr nach der mehrheitlichen Übernahme durch den chinesischen Investor Westron Group im Juli 2022.
- Symptom der Branchenkrise: Der Fall Allgaier wird als bezeichnend für die tiefgreifende Krise der Automobilzulieferer in Deutschland gesehen.
- Verwechslungsgefahr: Das Unternehmen ist nicht mit dem IT-Dienstleister Allgeier SE zu verwechseln, welcher dies offiziell klarstellte.
Einleitung
Der Name Allgaier stand über ein Jahrhundert für Qualität und Innovation in der deutschen Automobilindustrie. Doch seit dem 09.03.2026 ist das einst stolze Unternehmen aus Uhingen, Baden-Württemberg, nur noch ein Symbol für den tiefgreifenden Strukturwandel und die Krise, die viele Zulieferer erfasst hat. Die Insolvenz im Sommer 2023 und die darauffolgende Schließung des Stammwerks Ende 2025 markieren das bittere Ende einer Traditionsmarke und werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen eines ganzen Wirtschaftszweiges.
Der Fall Allgaier: Aufstieg und Fall eines Giganten
Die Geschichte von Allgaier begann 1906, als Georg Allgaier eine Firma zur Fertigung von Schnitt- und Stanzwerkzeugen gründete. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Unternehmen zu einem international agierenden Konzern mit zwei Hauptgeschäftsbereichen: Allgaier Automotive und Allgaier Process Technology. Insbesondere im Automotive-Sektor etablierte sich die Firma als wichtiger Partner für namhafte Hersteller, spezialisiert auf Karosseriewerkzeuge, Pressteile und Tanksysteme. Die Expansion führte zur Gründung von Werken in Deutschland, Frankreich, Mexiko und China.
Prägend für das Unternehmen war die lange Ära unter der Führung von Dieter Hundt, dem ehemaligen deutschen Arbeitgeberpräsidenten, der Allgaier 1975 als Gesellschafter und Geschäftsführer übernahm und maßgeblich zur internationalen Ausrichtung beitrug. Unter seiner Leitung wuchs das Unternehmen stetig und beschäftigte in Spitzenzeiten tausende Mitarbeiter. Die Abhängigkeit von der Automobilkonjunktur erwies sich jedoch zunehmend als Risiko.
Die Insolvenz von Allgaier: Chronologie eines Endes
Die Probleme bei Allgaier begannen nicht erst mit dem Insolvenzantrag. Bereits während der Corona-Pandemie geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten, als Produktionsbänder bei den großen Autobauern stillstanden. Der Krieg in der Ukraine, explodierende Energiepreise und hohe Personalkosten verschärften die Lage zusätzlich.
Die Übernahme durch Westron 2022: Ein Hoffnungsschimmer?
Im Juli 2022 schien eine Lösung gefunden: Die Familie Hundt verkaufte die Mehrheit der Anteile an die chinesische Westron Group. Diese Übernahme wurde zunächst als Chance gesehen, die finanzielle Stabilität wiederherzustellen und neue Märkte in Asien zu erschließen. Noch im November 2022 gab sich die Geschäftsführung optimistisch und verwies auf einen hohen Auftragseingang. Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Die versprochenen Investitionen blieben laut Arbeitnehmervertretung aus, was die Situation weiter zuspitzte.
Der Insolvenzantrag im Juni 2023
Am 21. Juni 2023 meldete die Allgaier Werke GmbH schließlich Insolvenz beim Amtsgericht Göppingen an. Der Schritt kam für viele überraschend, obwohl die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bekannt waren. Der Geschäftsbetrieb wurde zunächst unter der Leitung eines vorläufigen Insolvenzverwalters fortgeführt, während die Suche nach neuen Investoren begann. Die Löhne und Gehälter der rund 1.600 Mitarbeiter in Deutschland waren für drei Monate durch das Insolvenzgeld gesichert.
Das endgültige Aus für das Stammwerk Uhingen
Während für einige Unternehmensteile Käufer gefunden werden konnten, blieb die Suche für das Herzstück, die Allgaier Automotive GmbH in Uhingen, erfolglos. Die Verhandlungen mit potenziellen Investoren scheiterten. Folglich wurde im Herbst 2025 das endgültige Aus verkündet: Die Schließung des Betriebs zum 31. Dezember 2025. Für die verbliebenen rund 600 Mitarbeiter bedeutete dies den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die meisten von ihnen wechselten in eine Transfergesellschaft, die sie bei der beruflichen Neuorientierung unterstützen soll.
Was bleibt von der Allgaier-Gruppe?
Obwohl der Name Allgaier vom Stammsitz in Uhingen verschwunden ist, leben Teile des Konzerns unter neuem Dach weiter. Diese Verkäufe sicherten zumindest einen Teil der Arbeitsplätze und des Know-hows.
Verkaufte Geschäftsbereiche: Process Technology und Werk Sachsen
Bereits im Januar 2024 wurde der Geschäftsbereich Verfahrenstechnik, die Allgaier Process Technology GmbH, an die Stafag International GmbH aus Mülheim verkauft und in die Siebtechnik GmbH integriert. Im August 2024 folgte der Verkauf der Allgaier Sachsen GmbH in Oelsnitz an die bayerische Martin-Gruppe, einen Anbieter für Metallumformung. Auch die zur Gruppe gehörende Mogensen GmbH & Co. KG wurde bereits im November 2023 von der Joest Group übernommen.
Hintergründe der Allgaier-Krise: Mehr als nur ein Einzelfall
Die Insolvenz von Allgaier ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein alarmierendes Zeichen für den Zustand der deutschen Automobilzulieferindustrie. Die Branche steht unter massivem Druck durch die Transformation zur Elektromobilität, den globalen Wettbewerb und die hohe Preisvolatilität bei Rohstoffen und Energie. Die geopolitische Lage trägt ebenfalls zur Unsicherheit bei.
Viele Zulieferer, insbesondere mittelständische Unternehmen wie Allgaier, kämpfen mit schwindenden Margen. Während die großen Automobilhersteller Preiserhöhungen oft an die Kunden weitergeben können, bleibt den Zulieferern dieser Spielraum meist verwehrt. Der Fall Allgaier zeigt exemplarisch, wie schnell selbst etablierte Unternehmen in dieser Gemengelage ins Straucheln geraten können.
| Datum | Ereignis | Quelle |
|---|---|---|
| Juli 2022 | Mehrheitliche Übernahme durch die chinesische Westron Group | manager magazin |
| 21. Juni 2023 | Anmeldung der Insolvenz für die Allgaier Werke GmbH | SPIEGEL |
| November 2023 | Verkauf der Mogensen GmbH & Co. KG an die Joest Group | Wikipedia |
| Januar 2024 | Verkauf der Allgaier Process Technology an Siebtechnik GmbH | Automobil Industrie |
| August 2024 | Verkauf der Allgaier Sachsen GmbH an die Martin-Gruppe | Automobil Industrie |
| 31. Dezember 2025 | Einstellung des Geschäftsbetriebs am Stammsitz Uhingen | Südwest Presse |
Wichtige Unterscheidung: Allgaier ist nicht gleich Allgeier
In der Berichterstattung rund um die Insolvenz kam es immer wieder zu Verwechslungen. Es ist wichtig zu betonen, dass die insolvente Allgaier Werke GmbH in keiner Verbindung zur Allgeier SE steht. Bei der Allgeier SE handelt es sich um ein börsennotiertes IT- und Softwareunternehmen mit Sitz in München. Das Unternehmen sah sich aufgrund der Namensähnlichkeit genötigt, dies in einer Pressemitteilung offiziell klarzustellen, um negative Assoziationen zu vermeiden. Eine weitere eigenständige Firma ist die allgaier GmbH aus Neu-Ulm, ein Logistikdienstleister.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zu Allgaier
Was ist mit der Firma Allgaier passiert?
Die Allgaier-Group, ein Automobilzulieferer aus Uhingen, hat im Juni 2023 Insolvenz angemeldet. Nach einer teilweisen Zerschlagung wurde das Stammwerk (Allgaier Automotive GmbH) zum 31. Dezember 2025 geschlossen, da kein Investor gefunden werden konnte.
Wer hat Allgaier gekauft?
Es gab keinen Käufer für die gesamte Allgaier-Gruppe. Einzelne Teile wurden verkauft: Die Sparte Process Technology ging an die Siebtechnik GmbH, das Werk in Sachsen an die Martin-Gruppe und die Tochter Mogensen an die Joest Group. Das Hauptwerk in Uhingen fand keinen Käufer.
Wie viele Mitarbeiter waren von der Allgaier-Insolvenz betroffen?
In Deutschland beschäftigte die Gruppe vor der finalen Schließung rund 1.600 Menschen. Allein am Hauptsitz in Uhingen waren zuletzt noch etwa 600 Mitarbeiter von der Schließung Ende 2025 betroffen.
Gibt es die Firma Allgaier noch?
Die ursprüngliche Allgaier-Group mit ihrem Stammwerk in Uhingen existiert nicht mehr. Einige ehemalige Tochtergesellschaften und Geschäftsbereiche wurden jedoch von anderen Unternehmen übernommen und werden unter neuem Namen oder als Teil einer größeren Gruppe weitergeführt.
Warum ist Allgaier insolvent gegangen?
Die Gründe sind vielfältig. Dazu zählen die Folgen der Corona-Pandemie, gestiegene Energie- und Logistikkosten, höhere Personalkosten und eine gesunkene Nachfrage aus der Automobilindustrie. Die Übernahme durch einen chinesischen Investor konnte die Liquiditätsprobleme letztlich nicht lösen.
Ist Allgaier das gleiche wie Allgeier SE?
Nein, es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche und unabhängige Unternehmen. Die Allgaier Werke GmbH war ein Automobilzulieferer, während die Allgeier SE ein börsennotiertes IT- und Softwarehaus ist. Die Namensähnlichkeit ist rein zufällig.
Fazit
Das Ende von Allgaier in Uhingen ist mehr als nur die Insolvenz eines einzelnen Unternehmens. Es ist ein Lehrstück über die Verwundbarkeit einer Schlüsselindustrie im Wandel. Der Fall zeigt, wie eine Kombination aus globalen Krisen, Transformationsdruck und gescheiterten Investorenstrategien selbst ein über 100 Jahre altes Traditionsunternehmen zu Fall bringen kann. Für die Region bedeutet die Schließung einen schmerzhaften Verlust von Arbeitsplätzen und industrieller Identität. Was von Allgaier bleibt, sind einige weitergeführte Geschäftsbereiche unter neuem Namen und die Mahnung, dass der Strukturwandel in der Automobilindustrie noch lange nicht abgeschlossen ist.