Elsbeth Stern Intelligenzforschung zeigt: Im Durchschnitt gibt es keine Intelligenzunterschiede zwischen Männern und Frauen. Unterschiede zeigen sich jedoch in den Extremen. So sind in den unteren Intelligenzbereichen und unter den Hochbegabten mehr Männer zu finden. Die Verteilung unter Hochbegabten ist nicht 50/50, sondern verschiebt sich zugunsten der Männer, wobei es aber auch in diesen Bereichen weiterhin Frauen gibt.

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Analyse-Ergebnis
- Intelligenz ist messbar, wobei kognitive Intelligenz durch Tests erfasst wird.
- Es gibt keine signifikanten durchschnittlichen Intelligenzunterschiede zwischen den Geschlechtern, aber Unterschiede in den Extrembereichen.
- Die Annahme, dass eine gymnasiale Ausbildung für jedes Kind ideal ist, wird von Stern kritisch hinterfragt.
- Emotionale und soziale Kompetenzen sind wichtig, aber schwerer messbar als kognitive Intelligenz.
Elsbeth Stern und die Definition von Intelligenz
Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was Intelligenz eigentlich ausmacht. Sie gilt als eine der führenden Expertinnen auf diesem Gebiet. In ihren Forschungen konzentriert sie sich auf die kognitive Intelligenz, die durch standardisierte Tests messbar ist. Dabei betont sie, dass Intelligenz nicht nur eine Frage des reinen Denkvermögens ist, sondern auch von vielen anderen Faktoren beeinflusst wird.
Im Gespräch mit Simone Menne im Stern-Podcast „Die Boss“ erläutert Stern ihre Sichtweise auf Intelligenz und warum sie soziale oder emotionale Kompetenzen in ihrer Forschung weniger berücksichtigt. Wie Stern berichtet, liegt das vor allem an der Schwierigkeit, diese Kompetenzen valide zu messen.
Laut Stern verteilen sich Intelligenzwerte normal, wobei etwa 70 Prozent der Bevölkerung eine durchschnittliche Intelligenz aufweisen. Die restlichen 30 Prozent teilen sich in je 15 Prozent über und unter dem Durchschnitt auf. (Lesen Sie auch: Elsbeth Stern Intelligenz: Gymnasium für alle eine…)
Warum sind soziale und emotionale Kompetenzen schwerer zu messen?
Elsbeth Stern argumentiert, dass die Messinstrumente für soziale und emotionale Intelligenz nicht die gleiche Qualität aufweisen wie die für kognitive Fähigkeiten. Während Intelligenztests standardisiert und validiert sind, fehlen vergleichbare Instrumente für den sozialen und emotionalen Bereich. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Kompetenzen unwichtig sind, sondern lediglich, dass sie wissenschaftlich schwerer zu erfassen sind.
Geschlechterunterschiede in der Intelligenzverteilung
Ein oft diskutiertes Thema ist die Frage, ob es Unterschiede in der Intelligenzverteilung zwischen Männern und Frauen gibt. Elsbeth Stern betont, dass es im Mittelwert keine signifikanten Unterschiede gibt. Allerdings zeigen sich Unterschiede in den Extrembereichen. „Es gibt mehr Männer in den unteren Bereichen und auch ganz oben gibt es klar mehr Männer. Also unter den Hochbegabten ist die Verteilung nicht mehr 50/50, sondern sie nimmt zunehmend ab. Aber zu betonen ist, dass es auch in den höchsten Bereichen immer noch Frauen gibt“, so Stern.
Diese Beobachtung wird von anderen Forschern teilweise bestätigt, wobei die Ursachen für diese Unterschiede weiterhin Gegenstand der Forschung sind. Einige Studien deuten darauf hin, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten, während andere soziale und kulturelle Einflüsse betonen. Eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2018, veröffentlicht im Fachmagazin „Intelligence“, untersuchte die kognitiven Fähigkeiten von über 5.000 Personen und fand ähnliche Ergebnisse bezüglich der Verteilung in den Extrembereichen. Eine Übersicht über die Forschung zu Geschlechterunterschieden in kognitiven Fähigkeiten bietet Spektrum.de.
Die Bedeutung von Intelligenz für Bildungserfolg
Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Elsbeth Stern anspricht, ist die Bedeutung von Intelligenz für den Bildungserfolg. Sie kritisiert die Vorstellung vieler Eltern, dass eine gymnasiale Ausbildung für jedes Kind die beste Wahl sei. „Es ist eine Perversion, dass die Hälfte der Schüler aufs Gymnasium soll“, sagt Stern im Podcast „Die Boss“. Sie argumentiert, dass nicht jedes Kind für die Anforderungen eines Gymnasiums geeignet ist und dass es wichtig ist, die individuellen Stärken und Interessen jedes Kindes zu berücksichtigen. (Lesen Sie auch: Narzisstischer Chef: So Entkommen Sie der Toxischen…)
Stattdessen plädiert Stern für eine differenzierte Betrachtung der Bildungswege und eine stärkere Förderung von alternativen Schulformen und Ausbildungsmöglichkeiten. Sie betont, dass es viele Wege zum Erfolg gibt und dass eine akademische Ausbildung nicht für jeden der richtige ist. Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung entscheiden sich jährlich rund 40 Prozent der Schulabgänger für eine duale Ausbildung. Diese Zahl verdeutlicht, dass es eine wachsende Akzeptanz für alternative Bildungswege gibt.
Eltern sollten sich nicht von gesellschaftlichen Erwartungen oder dem Wunsch nach Prestige leiten lassen, sondern die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ihrer Kinder in den Vordergrund stellen.
Welche Alternativen gibt es zum Gymnasium?
Neben dem Gymnasium gibt es eine Vielzahl von alternativen Bildungsangeboten, die auf unterschiedliche Stärken und Interessen zugeschnitten sind. Dazu gehören beispielsweise Realschulen, Gesamtschulen, Fachoberschulen und Berufsschulen. Auch die duale Ausbildung, bei der die praktische Ausbildung in einem Betrieb mit dem theoretischen Unterricht in einer Berufsschule kombiniert wird, ist eine attraktive Option für viele Jugendliche. Eine Übersicht über die verschiedenen Bildungswege in Deutschland bietet das Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Kritik an der Fixierung auf kognitive Intelligenz
Obwohl Elsbeth Stern die kognitive Intelligenz als einen wichtigen Faktor für den Erfolg im Leben betrachtet, betont sie, dass sie nicht der einzige ist. Soziale und emotionale Kompetenzen, Kreativität, Motivation und Durchhaltevermögen spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Einige Kritiker werfen Stern vor, dass ihre Forschung zu stark auf die kognitive Intelligenz fokussiert sei und andere wichtige Aspekte vernachlässige. Der Psychologe Howard Gardner beispielsweise entwickelte die Theorie der multiplen Intelligenzen, die besagt, dass es verschiedene Arten von Intelligenz gibt, die unabhängig voneinander existieren können. (Lesen Sie auch: Einzelhandel schrumpft: Droht das Ladensterben in Deutschland?)

Stern selbst räumt ein, dass ihre Forschung nicht alle Aspekte von Intelligenz erfassen kann, betont aber, dass die kognitive Intelligenz ein gut messbarer und valider Faktor ist, der in vielen Lebensbereichen eine wichtige Rolle spielt. Sie plädiert für eine differenzierte Betrachtung von Intelligenz und eine stärkere Berücksichtigung der individuellen Stärken und Schwächen jedes Menschen.
Die Zukunft der Intelligenzforschung
Die Intelligenzforschung steht vor neuen Herausforderungen und Chancen. Mit dem Aufkommen von künstlicher Intelligenz und Big Data eröffnen sich neue Möglichkeiten, die menschliche Intelligenz besser zu verstehen und zu fördern. Gleichzeitig wirft die Entwicklung von KI auch ethische Fragen auf, beispielsweise in Bezug auf den Einsatz von Intelligenztests und die Förderung von Chancengleichheit.
Elsbeth Stern betont, dass es wichtig ist, die Forschungsergebnisse verantwortungsvoll zu nutzen und sicherzustellen, dass sie nicht dazu missbraucht werden, Menschen zu diskriminieren oder zu stigmatisieren. Sie plädiert für eine offene und transparente Diskussion über die Bedeutung von Intelligenz und die Möglichkeiten, sie zu fördern. Wie die Intelligenzforschung der Zukunft aussehen wird, bleibt abzuwarten, aber eines ist sicher: Die Frage, was Intelligenz ausmacht und wie sie gefördert werden kann, wird uns auch in Zukunft beschäftigen.
Die Forschung von Elsbeth Stern zur Intelligenz liefert wertvolle Einblicke in die komplexen Zusammenhänge zwischen kognitiven Fähigkeiten, Bildungserfolg und Geschlechterunterschieden. Ihre kritische Auseinandersetzung mit der Fixierung auf das Gymnasium als einzigem Weg zum Erfolg regt zum Nachdenken an und fordert eine differenzierte Betrachtung der individuellen Stärken und Interessen jedes Kindes. Für die Zukunft bedeutet dies, dass wir uns von starren Vorstellungen lösen und eine vielfältige Bildungslandschaft schaffen müssen, die jedem Kind die Möglichkeit bietet, sein volles Potenzial zu entfalten. (Lesen Sie auch: Stimme Klonen Betrug: So Schützen Sie sich…)




