Egon Krenz ist eine der umstrittensten Figuren der jüngeren deutschen Geschichte. Als Nachfolger von Erich Honecker war er im Herbst 1989 für nur 50 Tage der letzte Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR. Seine kurze Amtszeit fiel in die dramatische Phase der Friedlichen Revolution, die mit dem Fall der Berliner Mauer ihren Höhepunkt erreichte. Auch am 22.02.2026, über 36 Jahre nach der Wende, polarisiert die Person Egon Krenz und seine Deutung der DDR-Vergangenheit die Öffentlichkeit.
Egon Krenz, geboren am 19. März 1937, war der letzte Staats- und Parteichef der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Seine politische Karriere begann in der FDJ und führte ihn bis ins Politbüro der SED. Im Oktober 1989 trat er die Nachfolge Erich Honeckers an, konnte den Zerfall der DDR jedoch nicht aufhalten. Nach der Wiedervereinigung wurde er wegen seiner Mitverantwortung für die Mauertoten zu einer Haftstrafe verurteilt. Heute lebt Egon Krenz als Rentner an der Ostsee und äußert sich regelmäßig in Büchern und auf Veranstaltungen zur Geschichte der DDR.
Das Wichtigste in Kürze
- Letzter DDR-Chef: Egon Krenz war vom 18. Oktober bis zum 3. Dezember 1989 Generalsekretär des ZK der SED und vom 24. Oktober bis zum 6. Dezember 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR.
- Amtszeit von 50 Tagen: Seine Herrschaft dauerte nur 50 Tage, in denen der politische Druck durch Massenproteste stetig wuchs und die Berliner Mauer fiel.
- Verurteilung: 1997 wurde Krenz wegen Totschlags in mehreren Fällen im Zusammenhang mit den Todesschüssen an der innerdeutschen Grenze zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.
- Haftstrafe: Von seiner Strafe verbüßte er von 1999 bis zu seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 2003 knapp vier Jahre.
- Heutiger Wohnort: Egon Krenz lebt heute als Rentner im Ostseebad Dierhagen in Mecklenburg-Vorpommern.
- Autor und Zeitzeuge: Er ist als Autor tätig, hat mehrere Bücher über seine Sicht auf die DDR-Geschichte veröffentlicht und tritt regelmäßig bei Lesungen und Podiumsdiskussionen auf.
- Ungebrochene Überzeugung: Krenz verteidigt die DDR bis heute und bestreitet eine kriminelle Verantwortung für das Grenzregime. Er bezeichnet die Prozesse als „Siegerjustiz“.
Wer ist Egon Krenz? Aufstieg und Fall
Egon Krenz, geboren am 19. März 1937 in Kolberg, durchlief eine klassische DDR-Karriere. Bereits 1953 trat er in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein und wurde 1955 Mitglied der SED. Er stieg schnell auf: Vom FDJ-Kreissekretär auf Rügen bis zum Ersten Sekretär des Zentralrates der FDJ, eine Position, die er von 1974 bis 1983 innehatte. In dieser Zeit galt er als Zögling und Vertrauter des damaligen Staatschefs Erich Honecker. Sein Weg führte ihn 1983 ins Politbüro, das Machtzentrum der SED. Mit der Ernennung zum Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden 1984 wurde er offiziell zum „zweiten Mann im Staat“ und galt als Honeckers designierter Nachfolger, sein „Kronprinz“.
Der politische Druck im Herbst 1989, angefacht durch Massenflucht und Montagsdemonstrationen, führte schließlich zur Entmachtung des sichtlich überforderten und gesundheitlich angeschlagenen Erich Honecker. Am 18. Oktober 1989 wurde Egon Krenz zu dessen Nachfolger als Generalsekretär der SED gewählt. Wenige Tage später übernahm er auch den Vorsitz des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates.
Die Wende 1989: Krenz und der Mauerfall
In seiner Antrittsrede prägte Egon Krenz den Begriff der „Wende“, mit der er einen politischen Richtungswechsel und Reformen in Aussicht stellte, um die Herrschaft der SED zu stabilisieren. Doch die Bevölkerung empfand ihn nicht als Erneuerer, sondern als Teil des alten Systems. Die Proteste gingen unvermindert weiter. Krenz‘ Versuche, durch einen Dialog mit der Opposition und angekündigte Reiseerleichterungen die Lage zu beruhigen, scheiterten. Die Dynamik der Ereignisse hatte eine Eigendynamik entwickelt, die von der SED-Führung nicht mehr zu kontrollieren war.
Der Höhepunkt seiner kurzen Amtszeit war die Pressekonferenz am 9. November 1989. Dort verkündete Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, basierend auf einer von Krenz‘ Regierung beschlossenen neuen Reiseregelung, auf Nachfrage eines Journalisten, dass Privatreisen ins Ausland „sofort, unverzüglich“ möglich seien. Diese missverständliche Kommunikation löste noch am selben Abend einen Ansturm auf die Berliner Grenzübergänge aus, der schließlich zum Fall der Mauer führte. Krenz selbst betonte später immer wieder, die friedliche Grenzöffnung mitverantwortet zu haben, um ein Blutvergießen zu verhindern.
Prozess und Haft: Die juristische Aufarbeitung
Nach der Wiedervereinigung musste sich Egon Krenz für seine Rolle im DDR-Regime juristisch verantworten. Im sogenannten Politbüro-Prozess wurde er am 25. August 1997 vom Landgericht Berlin wegen Totschlags in vier Fällen und Mitverantwortung für das Grenzregime zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er als Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates für die tödlichen Schüsse auf Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze mitverantwortlich war. Krenz selbst wies jede Schuld von sich, sprach von „Siegerjustiz“ und „Kaltem Krieg im Gerichtssaal“ und legte erfolglos Verfassungsbeschwerde ein. Am 13. Januar 2000 trat er seine Haftstrafe an, die er bis zu seiner vorzeitigen Entlassung auf Bewährung am 18. Dezember 2003, unter anderem in der JVA Moabit und Hakenfelde, verbüßte.
Was macht Egon Krenz heute? (Stand 2026)
Auch im Jahr 2026 ist Egon Krenz eine präsente Figur in der öffentlichen Debatte über die DDR. Er lebt als Rentner in Dierhagen an der Ostseeküste. Weit davon entfernt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, ist er weiterhin als Autor aktiv. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter seine mehrbändige Autobiografie, in der er seine Sicht auf die Ereignisse darlegt. Zuletzt erschien 2025 der dritte Band seiner Erinnerungen unter dem Titel „Verlust und Erwartung“.
Krenz ist ein gefragter Gast bei Podiumsdiskussionen und Lesungen, die oft von linken Organisationen veranstaltet werden. So war er Anfang Februar 2026 bei einer Lesung in Marburg und ist für einen „DDR-Stammtisch“ im März 2026 in Waren angekündigt, gemeinsam mit anderen prominenten Persönlichkeiten der ehemaligen DDR wie Frank Schöbel und Täve Schur. In diesen Auftritten verteidigt er die DDR als den „friedlichsten Staat, den es jemals in Deutschland gegeben hat“ und kritisiert die heutige Bundesrepublik sowie die NATO-Politik gegenüber Russland. Seine Veranstaltungen ziehen ein treues, meist älteres Publikum an, stoßen aber auch regelmäßig auf Kritik.
Karrierestationen von Egon Krenz im Überblick
| Jahr | Position / Ereignis |
|---|---|
| 1953 | Eintritt in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) |
| 1955 | Eintritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) |
| 1974-1983 | Erster Sekretär des Zentralrates der FDJ |
| 1983 | Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED |
| 1984 | Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR |
| 18.10.1989 | Nachfolger Honeckers als Generalsekretär der SED |
| 09.11.1989 | Fall der Berliner Mauer während seiner Amtszeit |
| 06.12.1989 | Rücktritt von allen Ämtern |
| 1997 | Verurteilung zu 6,5 Jahren Haft wegen Totschlags |
| 2000-2003 | Verbüßung der Haftstrafe |
| Seit 2003 | Lebt als Rentner und Autor in Dierhagen |
Als einer der letzten lebenden hochrangigen Politiker der DDR bleibt Egon Krenz ein wichtiger, wenn auch kontroverser Zeitzeuge. Seine Perspektive ist für das Verständnis der Innenansicht des SED-Regimes von Bedeutung, wie auch unser Artikel über das Erbe anderer Persönlichkeiten zeigt. Die Debatte um seine Rolle und die Bewertung der DDR-Geschichte wird wohl auch in Zukunft weitergehen, ähnlich wie die Auseinandersetzung mit der Rentenbesteuerung, die viele Bürger aus Ost und West heute beschäftigt.
Krenz‘ Sicht auf die Geschichte: Eine umstrittene Perspektive
Die öffentliche Wahrnehmung von Egon Krenz ist bis heute gespalten. Für Kritiker ist er ein unbelehrbarer Apparatschik und „Betonkopf“, der seine politische und moralische Verantwortung für das Unrecht des DDR-Regimes, insbesondere für die Mauertoten, leugnet. Sie werfen ihm Geschichtsrevisionismus vor, wenn er die DDR als legitimen Staat darstellt und die juristische Aufarbeitung als politisch motivierte „Siegerjustiz“ bezeichnet. Seine Rechtfertigung des Tian’anmen-Massakers in China im Juni 1989, wo er davon sprach, es sei „etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen“, ist ihm ebenfalls nachhaltig in Erinnerung geblieben.
Für seine Anhänger hingegen ist Krenz ein aufrechter Sozialist, der versuchte, die DDR zu reformieren und einen friedlichen Übergang zu ermöglichen. Sie sehen in ihm eine tragische Figur, die von den Ereignissen überrollt wurde. Krenz selbst stilisiert sich als jemanden, der die DDR vor einem Bürgerkrieg bewahrt hat. Er bedauert die Todesopfer an der Grenze, weist aber eine persönliche Schuld von sich. Seine Bücher und Auftritte bieten eine alternative Erzählung zur vorherrschenden Geschichtsschreibung, die vor allem bei Menschen Anklang findet, die sich mit der pauschalen Abwertung der DDR-Geschichte nicht identifizieren können. Diese alternative Sichtweise wird von Historikern kritisch gesehen, da sie die diktatorischen Aspekte des SED-Regimes oft ausblendet. Eine umfassende historische Einordnung liefert das LeMO-Biografieportal des Deutschen Historischen Museums.
Video-Empfehlung: Für eine visuelle Aufarbeitung seiner Rolle während des Mauerfalls empfiehlt sich die Suche nach Dokumentationen auf YouTube, beispielsweise vom Kanal „DDR-Geschichte“, die oft Originalaufnahmen der entscheidenden Pressekonferenz zeigen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was macht Egon Krenz heute?
Egon Krenz lebt heute (Stand 2026) als Rentner im Ostseebad Dierhagen. Er schreibt Bücher über seine Zeit als DDR-Politiker und tritt regelmäßig bei Lesungen und Podiumsdiskussionen auf, um seine Sicht auf die Geschichte der DDR zu vertreten.
Wie lange war Egon Krenz an der Macht?
Egon Krenz war nur für eine sehr kurze Zeit an der Macht. Er war vom 18. Oktober 1989 bis zum 3. Dezember 1989 Generalsekretär der SED, also insgesamt 46 Tage. Seine gesamte Amtszeit als Staats- und Parteichef umfasste 50 Tage.
Warum musste Egon Krenz ins Gefängnis?
Egon Krenz wurde 1997 wegen Totschlags in vier Fällen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah seine Mitverantwortung als Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates der DDR für die tödlichen Schüsse an der innerdeutschen Grenze als erwiesen an.
Wer war der Nachfolger von Egon Krenz?
Nach dem Rücktritt von Egon Krenz als SED-Generalsekretär wurde Gregor Gysi zum Vorsitzenden der in PDS umbenannten Partei gewählt. Das Amt des Staatsratsvorsitzenden übernahm kurzzeitig Manfred Gerlach (LDPD), bevor der Staatsrat ganz abgeschafft wurde. Der letzte Ministerpräsident der DDR war Hans Modrow (SED/PDS).
Wie alt ist Egon Krenz?
Egon Krenz wurde am 19. März 1937 geboren. Im Jahr 2026 wird er 89 Jahre alt.
Fazit
Egon Krenz bleibt auch im Jahr 2026 eine Schlüsselfigur für das Verständnis der Endphase der DDR. Als letzter SED-Generalsekretär lenkte er für 50 Tage die Geschicke eines Staates im Auflösungsprozess und war eine zentrale Figur während des Mauerfalls. Seine Verurteilung wegen der Mauertoten und seine anschließende Haftstrafe markierten einen wichtigen Punkt in der juristischen Aufarbeitung der DDR-Diktatur. Heute prägt er als streitbarer Zeitzeuge und Autor die Erinnerungskultur mit seiner eigenen, oft kritisierten Perspektive. Die Auseinandersetzung mit der Person Egon Krenz ist somit mehr als nur ein Blick in die Vergangenheit; sie ist ein andauernder Diskurs über Schuld, Verantwortung und die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte, der von offiziellen Stellen wie der Bundesregierung dokumentiert wird.
Informationen zum Autor
Niklas Schmidt ist seit über 15 Jahren als Online-Redakteur tätig und hat sich auf deutsche Zeitgeschichte und politische Biografien spezialisiert. Seine Analysen basieren auf sorgfältiger Recherche in historischen Archiven und aktuellen Quellen. Er ist Absolvent der Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.